Tove schreibt Geschichte, Elazzaoui verteidigt den Mythos
Zegama ist nicht einfach ein Trailrun. Zegama ist ein Stadion ohne Dach, ein baskischer Ausnahmezustand auf 42 Kilometern, ein Rennen, bei dem die Strecke fast zur Nebensache wird, weil der Berg lebt, schreit und jeden Schritt begleitet. Die 25. Ausgabe der Zegama-Aizkorri Mendi Maratoia am 17. Mai 2026 bot genau das: Schlamm, Druck, Legendenstatus – und zwei Siegergeschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Die Eckdaten erklären nur bedingt, warum dieses Rennen weltweit so aufgeladen ist: 42 Kilometer, rund 2.736 Höhenmeter, Start und Ziel im baskischen Dorf Zegama, dazu die ikonischen Passagen über Aratz, Aizkorri, Aitxuri und Andraitz. Offiziell ist Zegama Teil der Golden Trail World Series; 2026 war es zugleich das Auftaktrennen der Serie und die Jubiläumsausgabe.
Tove Alexandersson: ein Debüt wie ein Statement
Das stärkste sportliche Signal des Tages kam aus Schweden. Tove Alexandersson gewann die Frauenwertung in 4:08:09 Stunden und pulverisierte damit den bisherigen Streckenrekord von Nienke Brinkman aus dem Jahr 2022. Besonders bemerkenswert: Die Bedingungen galten wegen Regenfällen im Vorfeld, Schlamm und Schnee in höheren Lagen nicht gerade als rekordfreundlich. Trotzdem lief Alexandersson vom Start weg vorne – und machte aus ihrem ersten Zegama-Auftritt keine vorsichtige Annäherung, sondern eine Demonstration.
Schon früh setzte sie sich ab. Nach 8,5 Kilometern lag sie bereits rund zwei Minuten vor Sara Alonso, bei Kilometer 13,5 war sie nur noch knapp hinter Rekordsplit, nach dem ersten großen Anstieg sogar vor Rekordtempo. Spätestens zur Rennmitte war klar: Hier geht es nicht mehr nur um den Sieg, sondern um eine historische Marke. Alexandersson baute ihren Vorsprung weiter aus und gewann am Ende fast 16 Minuten vor Malen Osa, die in 4:23:56 Zweite wurde. Titelverteidigerin Sara Alonso komplettierte das Podium in 4:25:51.
Damit bekam Zegama 2026 eine neue Referenzleistung im Frauenrennen. Nicht knapp, nicht taktisch, nicht auf den letzten Metern – sondern kompromisslos vom ersten Anstieg bis zurück ins Dorf.
Elazzaoui gegen Pattis: Entscheidung auf der letzten Abfahrt
Bei den Männern entwickelte sich ein völlig anderes Rennen. Früh übernahm Rémi Bonnet die Initiative. Der Schweizer, einer der stärksten Bergläufer im Feld, attackierte auf den Anstiegen und lag zeitweise sogar auf Kurs unter dem Streckenrekord von Kilian Jornet aus dem Jahr 2022. Hinter ihm formierte sich eine Verfolgergruppe mit Elhousine Elazzaoui, Daniel Pattis, Taylor Stack und zunächst auch Kilian Jornet.
Doch Zegama entscheidet sich selten nur bergauf. Am Sancti-Spiritu-Anstieg, dort wo die Zuschauer wie eine lebendige Wand am Trail stehen, begann Bonnets Vorsprung zu schmelzen. Bei Kilometer 23 hatten Pattis und Elazzaoui den Schweizer gestellt. Danach wurde aus dem Rennen ein Duell: Pattis vorne, Elazzaoui lauernd, beide mit Abstand auf die Verfolger. Erst auf der finalen Abfahrt setzte sich der Marokkaner entscheidend ab – genau dort, wo er schon mehrfach seine Stärke ausgespielt hat.
Elhousine Elazzaoui gewann in 3:45:07 Stunden, nur 20 Sekunden vor Daniel Pattis in 3:45:27. Dritter wurde der US-Amerikaner Taylor Stack in 3:52:17, der sich spät noch am stark besetzten Feld vorbeischob. Für Elazzaoui war es der zweite Zegama-Sieg in Folge – ein Kunststück, das in der jüngeren Wahrnehmung fast automatisch mit Kilian Jornet verglichen wird.
Kilian Jornet: Legende, aber diesmal nicht im Kampf um den Sieg
Natürlich lag ein großer Teil der Aufmerksamkeit auf Kilian Jornet. Der elffache Zegama-Sieger war früh im vorderen Bereich zu sehen, fiel im Rennverlauf jedoch zurück. Laut Berichten hatte er Probleme am linken Bein und konnte insbesondere bergab nicht mehr um die Spitzenplätze kämpfen. Er beendete das Rennen schließlich auf Platz 43 in 4:19:23 Stunden.
Das schmälert seinen Status in Zegama nicht – im Gegenteil. Es zeigt eher, wie brutal ehrlich dieses Rennen ist. Namen zählen am Start. Am Ende zählen Beine, Grip, Mut bergab und die Fähigkeit, im Lärm der baskischen Berge bei sich zu bleiben.
Warum Zegama 2026 hängen bleibt
Diese Ausgabe hatte alles, was einen großen Race Report trägt: eine neue Überläuferin der Szene, einen Titelverteidiger mit messerscharfem Renninstinkt, ein italienisches Fast-Wunder, ein US-Podium bei einem der emotionalsten europäischen Trailklassiker und einen Kilian-Moment, der nicht glorreich, aber menschlich war.
Zegama 2026 war damit mehr als ein Saisonauftakt der Golden Trail World Series. Es war ein Rennen, das zwei Dinge gleichzeitig gezeigt hat: Trailrunning wird immer professioneller, internationaler und dichter besetzt – aber seine größten Momente entstehen dort, wo der Sport roh bleibt. Im Schlamm. Im Gedränge. Auf einer Rampe wie Sancti Spiritu. Und in diesem einzigartigen Satz, den man im Trailrunning kaum übersetzen muss:
Zegama ist Zegama.

